Heute eröffne ich zum
zweiten Mal eine Ausstellung mit Arbeiten von Annegret Leiner. Das erste
Mal war genau vor einem Jahr, auch im Herbst. Es war eine Ausstellung im
Museum St. Wendel. Dort wurden 8 großformatige Gemälde, die
als lose Serie zusammengehörten, und eine Installation zum Thema des
mittelalterlichen "Stundenbuches" gezeigt, sowie auch kleinere Arbeiten
auf Papier, so ähnlich wie die, die Sie im Flurbereich sehen.
Heute werden hier unter
anderem Teile aus dem damaligen Stundenbuch gezeigt, aber durch die Tatsache,
dass die Arbeiten nicht mehr in einer festgelegten Reihung gezeigt werden
sondern vielmehr als selbstständige Bilder aufgefasst werden, haben
sie sich aus diesem alten Kontext befreit. Ich sage zwar "alter Kontext",
aber so lange ist das nicht her - wie gesagt, nur ein Jahr liegt zwischen
der Einbindung im Stundenbuch und der hier gezeigten Selbstständigkeit
der Bilder.
Aber das ist für Annegret
Leiner vielleicht doch schon lang. Weil die Arbeiten, die Sie sonst in
dieser Ausstellung sehen können - ausgenommen der kleinen - sind wirklich
neu, teilweise so neu, dass sie sozusagen noch atelierfrisch sind, und
ihr Alter eher in Tagen als in Jahren gemessen werden kann.
Im Laufe der letzten zehn Jahren gelangte Annegret Leiner in ihrer Arbeit von der Figuration zu einer expressiven Abstraktion. Sie knüpft dabei an die Tradition der 50er und 60er Jahre an, in der die Abstrakt-Expressionisten und später die Informell-Abstrakten im Vordergrund standen. Ihre Arbeit ist deshalb innerhalb der aktuellen Entwicklung der zeitgenössischen Malerei, in der erneut die Figuration in vielen Variationen mit Begeisterung aufgegriffen wird, eine interessante Gegenstimme.
Die Künstlerin hat eine unverwechselbare eigene Handschrift. Diese Bezeichnung wird heute so oft benutzt, dass sie fast zu einem formelhaften Klischee verkommen ist - doch in Bezug auf Annegret Leiner trifft sie haargenau zu: sie kann mit Recht eine "handschriftliche" Künstlerin genannt werden. Es ist die Geste, die für die Bilder von essentieller Bedeutung ist. Sowohl die zackigen, auf der Bildfläche tanzenden Linien als auch die breiten Pinselstriche vermitteln den Eindruck, als wären sie in einer Bewegung "hingeschrieben", und manchmal ist dies auch so. Dabei ist jedes Bild das Ergebnis langwieriger Entscheidungen, solche, die vor dem eigentlichen Schaffensprozesses "im Kopf" getroffen wurden, aber vor allem solche, die sich während des Entstehungsprozesses auf der Bildfläche ausbreiten, und dort ihre Spuren hinterlassen.
Annegret Leiners Bilder sind
das Ergebnis einer persönlichen Dialektik, einer Auseinandersetzung
mit Konfliktsituationen, mit Fragen und Problemen, und so sind Ambivalenz,
Konfrontation und Zwiespalt Ausgangspunkt und Katalysator ihrer Arbeit.
Innerhalb eines Bildes stehen sich unterschiedliche Stimmungen gegenüber.
Die Bilder sind dermaßen
reich an Nuancen, Überarbeitungen und Ergänzungen, dass sie nie
eindeutig sind. Die verschiedenen Techniken - hier: Ölkreide, Gouache
und Collage, ergänzen sich im Grunde genommen nicht, sondern vermitteln
Widersprüchliches. In jedem Bild manifestiert sich einerseits eine
unruhige Suche, aber zugleich entsteht der Eindruck von Kraft und Sicherheit,
mit der Annegret Leiner arbeitet - mit der sie diese Suche meistert. Manchmal
hadert sie mit ihren Strichen, korrigiert sie immer wieder, die ins Bild
collagierten Papier- oder Fotofetzen werden zunächst mit Tesafilm
aufgeklebt, bis es klar wird, wo sie genau hingehören. Jedes Bild
zeugt von diesen Überlegungen und Entscheidungen, die zu einem unteilbaren
und zugleich vielförmigen Ganzen zusammengeballt sind.
In jedem Bild liegt der Keim für ein nächstes, jedes Bild beschwört eine weitere Auseinandersetzung mit einem bestimmten Thema oder mit einer bestimmten Problemstellung hinauf. So entstehen, als Variationen eines Themas, lose Serien. Eine Reihung verschafft der Künstlerin die Freiheit, mehrere Optionen darzustellen. Dabei bleibt jedes einzelne Bild in erster Linie eigenständig. Es wird erst "freigegeben", wenn Annegret Leiner mit der künstlerischen Aussage zufrieden ist. Allein die Qualität dieser Aussage bestimmt darüber, ob es eine "Existenzberechtigung" hat, nicht das Maß, in wieweit es mehr oder weniger eine persönliche Geschichte erzählt - die Geschichte ist lediglich der "Anlass", der das Bild Überhaupt entstehen ließ.
Diese Ausstellung heißt zum Beispiel "Vor Ort", und weißt daraufhin - obwohl sehr allgemein - dass wir uns in einem kleinen Dorf, genau gesagt in einem ehemaligen Kuhstall befinden. "Vor Ort" bedeutet hier also: das Leben auf dem Land, mit der Natur, die man hier eher wie in einer Stadt hautnah erleben kann - oder muss -, und speziell dieser Ort, der Kuhstall, in der die Geschichte noch unmittelbar zu sehen ist - z.B. die Tränke für die Tiere ist noch intakt. Dieser Ort weckt vielleicht Erinnerungen an diese Tiere, wie sie hier lebten. Für die neuesten Bilder, die Sie hier sehen, war diese konkrete Gegebenheit der Anlass, der Ausgangspunkt, aber sie werden nichts Tierisches in den Bildern erkennen - das wäre zu Einfach. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte ist nicht mehr wichtig, was zählt, sind die Bilder selbst. Sie sind alle ohne Titel, verweisen nicht auf diesen Ort. Sie brauchen das nicht.
Nebenan hängen, wie
schon erwähnt, 8 Blätter aus dem ehemaligen "Stundenbuch". Auch
dieses inhaltliche Thema spielt im Grunde genommen keine Rolle mehr. Trotzdem
möchte ich hier doch noch kurz auf diesen Hintergrund eingehen. Das
mittelalterliche Stundenbuch war ein im 14. und 15. Jahrhundert weit verbreitetes
Andachtsbuch für Laien. Vorbild war das Brevier, das Gebetsbuch des
Klerus. Der Namen rührt daher, dass die darin enthaltenen Gebetstexte
zu bestimmten Stunden rezitiert wurden, entsprechend der im liturgischen
Chorgebet der Mönche tradierten Tageseinteilung von 8 Tageszeiten
zu je 3 Stunden.
Und so bestand die ursprüngliche
Arbeit aus 24 Blätter, für jede Stunde ein Blatt, für die
Gebete eine leere, quasi meditative Seite, für die anderen Stunden
Bilder, grafische Widerspiegelungen der bewussten und unbewussten psychischen
Prozesse, die die Bewältigung des Alltags - zu jedem Tages- und Nachtzeit
- von jedem verlangen.
Die Bilder - auch die hier
gezeigten - bestehen aus 2 Schichten: die zwei Folien sind gedacht wie
die oberen und die tieferen Schichten unseres Bewusstseins. Ganz vorne
die nervöse und suchende Striche, die hin und wieder mit breiten Pinselbahnen
Übermalt sind. Auf der zweiten Ebene tauchen, wie durch einen Nebel,
gedämpfte Linien und Papierfetzen auf. Diese wirken wie helle und
düstere Erinnerungsfetzen, die aus dem Unterbewusstsein hoch steigen.
Sie bilden sich aus dem Fundus an Erfahrungen, die unser Dasein - ob wir
wollen oder nicht - mitbestimmen.
Diese Absicht ist, auch wenn die Bilder jetzt aus ihrem Buch herausgelöst wurden, immer noch vorhanden. Und sie gilt auch nicht nur für diese Bilder, sondern auch für die neuen, und Übrigens auch für die kleinen, die in den letzten zwei Jahren entstanden sind. Hinten und vorne, Klares und Undeutliches, Scharfes und Unscharfes, präzise Striche und welche, die wie lose Enden herum fliegen - das alles zeichnet ein Bild des Lebens, mit seinen Sicherheiten und Unsicherheiten, Erwartungen und Enttäuschungen, Geplantes und Überraschendes.
In den letzten zehn Jahren ist Annegret Leiner in ihren Arbeiten als ein emotionaler Mensch zu erkennen. Sie konfrontiert uns mit Dilemmas und Gegensätzen. Kräfte, die so stark aufeinander einwirken, müssen zwangsläufig zu konfrontierenden Bildern führen. Der Betrachter, der sich für das Erleben dieser Bilder Zeit nimmt, kann sich ihrer "aufwühlenden" Wirkung nicht entziehen. Aber wer nicht sucht, "erlebt" nicht.
Also, meine Damen und Herren,
lasst uns diese Zeit nehmen. Ich wünsche Ihnen viel Freude bei der
Entdeckung dieser Bilder "vor Ort".